Franz Graf
Vom Lehrling zum Unternehmer: Franz Graf hat die Geschichte von Leyrer + Graf über Jahrzehnte hinweg mit Leidenschaft, Mut und Tatkraft geprägt. Im Interview erzählt er von bewegenden Momenten, großen Herausforderungen und seinem Lebensweg, der untrennbar mit dem Unternehmen verbunden ist.
1947 kommen Sie als 16-Jähriger zu Anton Leyrer. Wie hat das begonnen?
Wir waren acht Kinder, das Geld war knapp. Mein Vater hat gesagt: „Du brauchst so schnell wie möglich einen Beruf.“ Also sind wir losgezogen und haben gefragt, ob mich jemand nimmt.
Bei einer Firma hat es nicht geklappt. Dann sind wir zu Anton Leyrer. Er kam mit dem Fahrrad, hörte sich meinen Vater an und sagte: „Dann schauen wir uns den Franzl an.“ Zu Beginn war ich Gehilfe und habe alles gemacht, was angefallen ist. Nach ca. einem Jahr habe ich dann meine Lehre begonnen.
Wie war diese Anfangszeit – was hat ein Lehrling damals wirklich gemacht?
Ich war zuerst Gehilfe und Mädchen für alles: Asche hinaustragen, Kohlen hereinholen, einheizen, putzen. Am Bauhof mithelfen und auf Baustellen aushelfen, wo jemand fehlte. Damals wurde alles händisch gemacht. Beton mischen, Mörtel anrühren, Kalk auflösen usw. Nach ca. einem Jahr habe ich dann meine Lehre begonnen und mir nach und nach weitere Fähigkeiten angelernt, wie Pläne zeichnen, vermessen, nivellieren. Das hat mir alles große Freude bereitet und während meiner Ausbildung habe ich sehr schnell gelernt: Hier zählt jeder Handgriff. Und das, was man macht, hat unmittelbare Auswirkungen. Diese Erfahrung prägt einen fürs Leben.
Gab es einen Moment, der in Ihnen etwas „ausgelöst“ hat?
Das war der Bau der Herz Jesu Kirche in Gmünd. Dort habe ich eine erste eigenständige Aufgabe bekommen: Ich sollte berechnen, wie viel Erde ausgehoben und wie viel Beton benötigt wird. Plötzlich hatte das, was ich gelernt habe, einen Sinn und das war ein Schlüsselmoment für mich. Man muss sich vorstellen, dass ich armseliges Büberl, das immer gerne auch wie seine Freunde Schuhe gehabt hätte und barfuß herumgelaufen ist, mit einem Mal in eine Ebene hineingewachsen bin, die für mich erfüllend und mit wirklicher Freude besetzt war. Ich habe es geliebt und deshalb auch beim Tag meine Aufgaben im Betrieb erfüllt und dann, wenn alles erledigt war, später weiter gelernt.
Sie wurden sehr jung Baumeister. Was hat dieser Moment in Ihnen ausgelöst?
Weil es kaum Ausbildungsmöglichkeiten gab, habe ich mir selbst eine gesucht: die zweijährige Fernschule in Graz für die Grundlagen der Bautechnik als Basis für meine Ausbildung zum Baumeister, die ich 1951 begonnen habe. Die Absolvierung der Baumeisterprüfung hat mir sehr viel bedeutet und es war auch ein sehr emotionaler Moment, als ich die Urkunde in Händen hatte. Ich habe etwas mit viel Mühe und Fleiß erreicht und das hat mich mit Stolz erfüllt.
In Ihrer Laufbahn gab es auch schwierige Phasen. Welche hat Sie besonders geprägt?
Das war die Krise 1956/57. Durch die Schwesterfirma „Leyrer und Haunzwickl“ sind massive Probleme und finanzielle Belastungen entstanden. Das war keine einfache Zeit. Mir war damals aber eines klar: Den Straßenbau dürfen wir nicht verlieren. Wenn man einmal aus diesem Bereich draußen ist, kommt man nicht mehr hinein. Es gab einen Auftrag, der eigentlich schon vergeben war. Und trotzdem haben wir gekämpft – und ihn bekommen.
Das war auch der Grundstein für den Einstieg in die Geschäftsführung?
Ja, richtig. 1958 bin ich in die Geschäftsführung eingetreten und wir haben das Unternehmen „Hoch- und Tiefbau Dipl.-Ing. A. Leyrer und Baumeister F. Graf“ gegründet. Anton Leyrer hat die Zimmerei verantwortet und ich den Hoch- und Tiefbau. Man muss sich vorstellen, mit 27 Jahren war ich auf einmal Unternehmer und ich war glücklich, endlich frei handeln zu können.
1964 stirbt Anton Leyrer, was hatte das für eine Bedeutung für Sie und warum blieb der Name Leyrer im Firmennamen?
Das war natürlich schon ein tiefer Einschnitt, da die alleinige Verantwortung auf mich überging, doch ich habe dann nach und nach das Unternehmen nach meinen Vorstellungen geformt. Warum ich den Namen Leyrer im Firmennamen gelassen habe, wurde ich schon oft gefragt. Er war mein Lehrherr und er hat mir eine Lebenschance geboten und das wollte ich würdigen.
Was waren die für Sie prägendsten Meilensteine bzw. Entwicklungsschritte der Unternehmensgeschichte?
Da gab es einige, doch besonders hervorzuheben ist bestimmt der Bau des Gymnasiums Gmünd, denn hier ging es auch um die Marktstellung. Wer ist der Stärkere im Waldviertel? Ich musste immer wieder im Ministerium vorsprechen und habe dafür die ganze Nacht durchgearbeitet. Und als schließlich die Unterschrift des Ministers da war und damit klar war, dass der Auftrag uns gehört, war ich tief bewegt.
Gegen Ende der 70er Jahre mussten wir mit schweren Verlusten im Tiefbau kämpfen und der Bau des Krankenhauses Gmünd war dann enorm wichtig für uns und auch eine große Sache und der Eintritt in die Abwicklung von Großprojekten.
Ein prägender Schritt war auch die Expansion nach Horn – insbesondere die Übernahme der Firma Traschler. Wie haben Sie diese Entscheidung erlebt?
Das war eine der herausforderndsten Entscheidungen meines Berufslebens. Mir war klar: Wenn wir wachsen wollen, müssen wir uns auch geografisch weiterentwickeln. Die Übernahme der Firma Traschler war dabei kein einfacher Schritt – das Unternehmen hatte keinen guten Ruf, und Zweifel waren durchaus vorhanden. Trotzdem habe ich mich darauf konzentriert, Strukturen zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und die Entwicklung konsequent voranzutreiben. Rückblickend ist aus dieser schwierigen Ausgangssituation ein starker Standort entstanden – und damit ein wichtiger Baustein für die weitere Entwicklung des Unternehmens.
Sie waren sehr viele Jahre an der Spitze von Leyrer + Graf. Was hat Sie über all die Jahre im Kern angetrieben?
Die Freude an der Arbeit. Und im Handwerk sieht man, was man schafft. Man kann es angreifen. Es bleibt. Das gibt der Arbeit einen Sinn. Und dieser Sinn ist es, der einen antreibt.
Gleichzeitig war es immer die Arbeit mit Menschen, die mich angetrieben hat. Ein Unternehmen funktioniert nicht durch Strukturen oder Zahlen allein, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen, mitdenken und gemeinsam etwas erreichen wollen. Ich habe das selbst erlebt – vom Lehrling bis zum Unternehmer. Und ich habe immer versucht, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen diese Freude an der Arbeit entstehen kann.
Was wünschen Sie Leyrer + Graf zum 100-jährigen Jubiläum?
Zunächst möchte ich meinem Sohn Stefan gratulieren. Ich bin sehr stolz darauf, wie er das Unternehmen weiterentwickelt hat – auf seinen Mut und auf die schöpferische Kraft, die er in sich trägt.
Mein Wunsch für Leyrer + Graf ist es, durch eine mitarbeiterorientierte Unternehmensgestaltung jene besondere Qualität sowie die Freude an der Arbeit zu erhalten, die dieses Unternehmen auszeichnen.