Stefan Graf

Zum 100-jährigen Jubiläum spricht Stefan Graf über seine ganz persönliche Verbindung zu Leyrer + Graf. Er erzählt von Kindheitserinnerungen zwischen Baumaschinen, seinem beruflichen Weg außerhalb des Familienunternehmens und seiner Rückkehr an die Spitze eines Baukonzerns.
 

Herr Graf, 100 Jahre Leyrer + Graf – was geht Ihnen persönlich durch den Kopf, wenn Sie auf diese Geschichte zurückblicken?

Vor allem Dankbarkeit und auch große Demut. Wenn man sich bewusst macht, wie viele Menschen über Jahrzehnte hinweg ihren Beitrag geleistet haben, wird klar: Ein Unternehmen entsteht nicht von heute auf morgen, sondern wächst aus vielen Entscheidungen, Erfahrungen und Herausforderungen. Gleichzeitig sind diese 100 Jahre kein abgeschlossener Abschnitt, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses.

Ich darf auf ein sehr starkes Fundament aufbauen, das meine Vorgänger unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen geschaffen haben. Darin sehe ich auch meinen Auftrag: dieses Fundament weiterzuentwickeln, auf meine Art zu stärken und zu gegebener Zeit wieder weiterzugeben. Genau das macht ein Familienunternehmen aus – dieses bewusste Weitertragen über Generationen hinweg.

 

Sie sind mit dem Unternehmen aufgewachsen. Wie sehr hat Sie diese Zeit geprägt?

Leyrer + Graf war immer Teil meines Lebens. Wir haben damals am Firmenareal gewohnt und somit sind meine Geschwister und ich am Bauhof aufgewachsen, zwischen Baumaschinen, der Werkstatt und den Menschen, die am Standort beschäftigt waren. Ich habe die Mitarbeiter nicht als „Belegschaft“ erlebt, sondern als vertraute Personen wie Familienmitglieder. Nach der Hausübung bin ich hinuntergegangen und habe entweder zugeschaut oder durfte auch selbst ein bisschen mitarbeiten. Ich hatte einen riesigen Spielplatz und wir durften unter Aufsicht auf die Baumaschinen klettern und das hat mich natürlich schon sehr früh tief geprägt. Zur Erstkommunion habe ich mir einen Zimmererhammer gewünscht, den ich mit Stolz getragen habe und auch wirklich sehr lange hatte.

 

Ihr Vater hat das Unternehmen Jahrzehnte geprägt. Was haben Sie von ihm mitgenommen?

Ich habe sehr früh gespürt, dass dieses Unternehmen tief  in der Region verankert ist und welche Bedeutung es hat. Ich habe auch gesehen, was Unternehmertum bedeutet, ohne es als Kind damals bewusst verstanden zu haben. Was uns verbindet, ist die Haltung, diese Konsequenz und das Dranbleiben – gerade dann, wenn es schwierig wird. Unternehmertum bedeutet ja nicht, dass alles planbar ist. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, obwohl noch nicht alles klar ist und die Verantwortung dafür zu tragen. Ich habe meinen Vater oft in Situationen erlebt, die nicht einfach waren. Und trotzdem hat er entschieden, ist seinen Weg gegangen. Ich glaube, da sind wir uns sehr ähnlich.

War es für Sie dadurch selbstverständlich, selbst Unternehmer zu werden?

Als Kind habe ich immer gesagt: „Ich werde einmal Baumeister“, ohne genau zu wissen, was das heißt, aber offensichtlich schon ein gutes Bild davon zu haben. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich gespürt, dass das keine Entscheidung ist, die man einfach übernimmt. Es reicht nicht, darin hineinzuwachsen – man muss auch innerlich dazu finden. Und genau deshalb war es für mich wichtig, zunächst einen anderen Weg zu gehen.

Dieser Weg hat Sie zunächst bewusst vom Familienunternehmen weggeführt. Warum war das notwendig?

Weil ich gespürt habe: Ich kann diesen Weg nur dann gehen, wenn er wirklich mein eigener ist. Es hätte nicht gereicht, „hineinzuwachsen“. Ich musste selbst herausfinden, was mich ausmacht – fachlich, aber auch persönlich. Deshalb war der Weg ins Studium und später ins Ingenieurbüro so entscheidend. Dort war ich nicht „der Sohn von …“, sondern einfach ich selbst. Ich musste mich beweisen, meinen Platz finden, meine Stärken entwickeln. Diese Erfahrung war enorm wichtig für mein Selbstverständnis.

War diese Entscheidung für Ihre Familie – insbesondere für Ihren Vater – schwierig? 

Ja, das muss sie wohl gewesen sein. Auch wenn er es mir gegenüber nie so gezeigt hat. Ich habe ihm damals gesagt, dass er nicht mit mir rechnen soll. Und aus heutiger Sicht weiß ich, dass das für ihn nicht so leicht war – vor allem, weil es innerhalb kurzer Zeit mehrere Veränderungen in der Familie gab. Wir haben das aber sehr gut steuern können, sodass die Verbundenheit nie darunter gelitten hat. Jeder von uns brauchte die Zeit, um sich zu entwickeln.

Gab es einen Moment, an dem sich Ihr eigener Weg wieder mit dem Unternehmen verbunden hat?

Ja, aber nicht als klassische, bewusst getroffene Entscheidung – sondern vielmehr als Prozess. Nach vielen Jahren im Ingenieurbüro habe ich begonnen, mich neu zu orientieren und Dinge grundlegend zu hinterfragen. Dieser Perspektivenwechsel hat mich auch zur Weiterbildung im strategischen Management an der Hochschule St. Gallen geführt und meinen Blick erweitert – von der reinen Technik hin zu einem umfassenderen Verständnis von Unternehmertum. In dieser Phase ist ein Gedanke wieder stärker in den Vordergrund gerückt, der eigentlich immer da war: die Verbindung zum eigenen Unternehmen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt sowohl technisch als auch wirtschaftlich gut ausgebildet – und gleichzeitig war die Situation im Unternehmen eine besondere. Mein Vater hatte mangels Nachfolger eine Stiftungslösung geschaffen, die für ihn jedoch nicht optimal ausgestaltet war. Als er mich 2010 erneut gefragt hat, ob ich mir eine Rückkehr vorstellen kann, war mein Zugang ein völlig anderer: Ich bin nicht zurückgekehrt, weil es geplant war oder erwartet wurde – sondern weil es sich für mich nun richtig angefühlt hat.

Wie haben Sie diesen Schritt zurück ins Unternehmen erlebt?

Sehr bewusst. Ich bin nicht als „Nachfolger“ gekommen und schon gar nicht, um „in Fußstapfen zu treten“. Ich gehe meinen eigenen Weg und so habe ich mir ca. drei Jahre Zeit genommen, um das Unternehmen neu kennenzulernen. Ich wollte verstehen, wie es funktioniert, habe viel hinterfragt und verschiedene Funktionen übernommen. Ich wollte Potenziale identifizieren und auch erste Weichen für zukünftige Entwicklungen stellen. Dabei habe ich natürlich enorm von meinen bisherigen Erfahrungen profitiert und habe den berühmten „Blick von außen“ hineingebracht.

Diese Zeit war entscheidend, um wirklich anzukommen – nicht nur formal, sondern auch innerlich.

2013 haben Sie die Geschäftsführung übernommen. Wie haben Sie diesen Moment wahrgenommen?

Als einen sehr klaren, bewusst gesetzten Schnitt – und gleichzeitig als Weiterführung. Einerseits war es ein bedeutender persönlicher Moment, weil Verantwortung endgültig übergeht und Entscheidungen ab diesem Zeitpunkt getragen werden müssen. Andererseits habe ich diesen Schritt nie als Bruch empfunden, sondern als konsequente Fortsetzung dessen, was meine Vorgänger über viele Jahre aufgebaut haben.

Ich habe ein starkes Unternehmen mit einem soliden Fundament übernommen – das gibt Sicherheit, bedeutet aber auch eine große Verantwortung. Entscheidend war für mich die Klarheit, mit der wir diesen Übergang gestaltet haben und rückblickend war es daher weniger ein einzelner Moment – sondern der sichtbare Abschluss eines Weges, der lange davor begonnen hat.

Seit Ihrer Übernahme hat sich Leyrer + Graf enorm weiterentwickelt. Wie empfinden Sie diesen Weg?

Ich durfte ein Unternehmen übernehmen, das auf einem sehr starken Fundament steht. Meine Aufgabe habe ich darin gesehen, auf dieses Fundament aufzubauen und das Unternehmen konsequent weiterzuentwickeln. Teilweise auch auf vollkommen neuen Wegen.

In den letzten Jahren haben wir viele Weichen gestellt: Wir haben das Unternehmen strategisch breiter aufgestellt, neue Geschäftsfelder erschlossen und zentrale Zukunftsthemen frühzeitig aufgegriffen. Gleichzeitig haben wir Strukturen weiterentwickelt und klarer ausgerichtet – immer mit dem Ziel, das Unternehmen langfristig stabil und zugleich anpassungsfähig zu halten.

Was mir dabei besonders wichtig ist: eine ganzheitliche Denkweise als Grundlage für strategische Entscheidungen. Entwicklungen dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen immer im Gesamtkontext des Unternehmens gedacht werden. Und wichtig ist darüber hinaus, dass wir uns dabei selbst treu bleiben. Die Werte, die Haltung und das Verständnis für das, was Leyrer + Graf ausmacht, sind unverändert geblieben. Denn ich bin überzeugt: Zukunftsfähigkeit entsteht genau dort, wo Weiterentwicklung auf ein klares Selbstverständnis trifft.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als CEO zurückblicken? Welches Zwischenresümee würden Sie ziehen?

Rückblickend war es eine intensive und zugleich prägende Zeit – für das Unternehmen wie auch für mich persönlich. Unternehmertum bedeutet für mich, sich laufend weiterzuentwickeln und agil zu bleiben. Entscheidend ist dabei: Erfolg entsteht immer im Miteinander. Es sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich hoch engagiert ihren Aufgaben widmen und zu unserem gemeinsamen Erfolg beitragen. Und genau darin liegt für mich die größte Motivation – gemeinsam mit Menschenzu gestalten, mit denen ich mich verbunden fühle. Wir haben viel erreicht, aber ebenso viel liegt noch vor uns – und darauf freue ich mich.

Auch wenn noch Zeit ist, doch wie gehen Sie mit dem Thema „Nachfolge“ um?

Mit Bewusstsein – aber ohne Druck. Ich habe selbst erlebt, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen und genau deshalb ist es mir ein großes Anliegen, auch meinen Kindern diese Freiheit zu geben.

Was wir als Familie aber sehr wohl tun, ist die Rahmenbedingungen klar zu gestalten. Auf der Eigentümerebene gibt es Strukturen, die über Generationen hinweg tragen. Das schafft Stabilität und Orientierung. Alles, was darüber hinausgeht – insbesondere die operative Rolle – muss aus einer inneren Entscheidung heraus entstehen und dafür braucht es Zeit. Die nächste Generation soll ihren eigenen Zugang finden, so wie ich ihn finden durfte.

Wenn Sie drei Schlagworte für das 100-jährige Firmenjubiläum finden müssen, welche wären das?

  • Mut
  • Innovationskraft
  • Gemeinschaft